Psychologie baby entwicklung
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Was denkt das Baby gerade? Was fühlt es? Anders, als Entwicklungspsychologen früher dachten, geht in so einem kleinen Menschen schon eine ganze Menge vor. Mit ausgefeilten Methoden kommt die Forschung dem Denken der Kleinsten heute auf die Spur. Aus dem Podcast Zeitfragen. Podcast abonnieren Vom Wahlkampf bis zur Walforschung — das Zeitfragen-Magazin von Deutschlandfunk Kultur hat den Rundumblick für Sie.
Beitrag Sendung Apple Podcasts Google Podcasts Spotify RSS Feed. Und ganz lange war die Annahme auch in der psychologischen Forschung, dass das Denken überhaupt erst mit dem Sprechen einsetzt. Weil wir Erwachsene, wenn wir darüber nachdenken, wie wir unser Denken empfinden, dann ist das so eine Art inneres Sprechen, so ein innerer Monolog.
Und es wurde angenommen: Solange ein Kind noch nicht sprechen kann, kann es auch nicht denken. Filmaufnahmen helfen zu analysieren, wann und wie oft Babys überrascht den Kopf bewegen. Elektroden messen das Hirnstrom-Muster und zeigen, ob es sich ändert, wenn Säuglinge ein bestimmtes Wort oder einen Satz mit einer ungewöhnlichen Betonung hören.
Föten lernen schon im Mutterleib: Neugeborene erkennen den Klang einer Geschichte wieder, die ihnen vorgelesen wurde, bevor sie geboren wurden. Wie macht sich ein Säugling einen Reim auf die Welt? Wie lernt er, die verwirrende Vielfalt an Geräuschen und visuellen Eindrücken innerlich zu sortieren? Wie wird aus dem endlosen Strom an Lauten, die aus dem Mund der Erwachsenen an sein Ohr dringen, so etwas wie eine geordnete Sprache, die etwas zu tun hat mit einer begreifbaren Welt?
Darum erkennen Neugeborene den Klang einer Geschichte wieder, die ihnen die Mutter vorgelesen hat, bevor sie geboren wurden. Und darum mögen sie als Kleinkinder Gewürze besonders gern, die sie schon im Fruchtwasser schmecken konnten. Und diese Lernfähigkeit ist eine ganz wichtige Grundlage dafür, dass Säuglinge sich erinnern, was in ihrer Umwelt alles so passiert, was täglich auftritt, wer ihre bekannten Bezugspersonen sind, wie ihre Umwelt gestaltet ist — und diese frühe Lernfähigkeit ist ganz, ganz wichtig für die psychische Entwicklung.
Das neugeborene Kind, das Eltern nach der Geburt in den Armen tragen, bewältigt in den ersten Wochen und Monaten seines Lebens gewaltige Entwicklungsaufgaben. Auch wenn es "nur" in seinem Bettchen liegt, scannt es seine Umwelt ständig nach Bekanntem und Unbekanntem ab. So funktioniert unser Gehirn schon ab unserer Geburt und vermutlich auch schon vorher. Man darf nicht die Neugeborenen unterschätzen!
Babys testen gerne Gegenstände. Schon drei bis vier Monate alte Babys zeigen deutlich an, dass sie eine Idee von Physik und vor allem von Schwerkraft haben. Sie erwarten zum Beispiel, dass ein Objekt, das sich bewegt, stehenbleibt, wenn es auf ein anderes Objekt auftrifft. Wenn ein Ball nicht von einer Tischplatte zurückspringt, sondern durch sie hindurchfällt, reagieren sie in den Experimenten sehr erstaunt.
Es erstaunt sie auch, wenn ein Ball eine Schräge hinauf statt hinunter rollt. Birgit Elsner geht davon aus, dass es sich hierbei um ein angeborenes Kernwissen handelt. Das Baby bringt es von vornherein mit auf die Welt. Und da ist es wirklich schwierig zu erklären, wie ein so umfangreiches Wissen durch Lernen erworben werden soll. Babys testen Gegenstände, die sich so seltsam verhalten, intensiv — lassen sie fallen oder hauen sie fest auf den Tisch.
Auch ein mathematisches Kernwissen bringen Babys wohl mit auf die Welt. Intuitiv können sie Mengen von bis zu vier Objekten erkennen und damit kleine Rechenoperationen durchführen. Getestet wurde das mit Mickymäusen: Wenn auf einer kleinen Bühne ein paar Mäuse auftauchen, schaut ein fünf Monate altes Baby interessiert hin. Wenn die Mäuse die Bühne kurz verlassen und mehr Mäuse wieder zurückkehren, reagiert es überrascht.
Und die Frage ist: Ist das intuitive Wissen der Kern unseres späteren verbalisierbaren Wissens? Oder sind das zwei ganz getrennte Bereiche, die sich im Gehirn völlig unabhängig voneinander entwickeln? Dazu wird noch sehr viel geforscht. Babys lieben und brauchen es, in Gesichter zu schauen und menschlichen Stimmen zuzuhören. Psychologisches Kernwissen ist Babys ebenfalls angeboren.
Sie lieben und brauchen es, in Gesichter zu schauen und Stimmen zu hören. Durch Laute und Strampeln versuchen sie, Kontakt zu den Menschen in ihrer Umgebung aufzunehmen — und sie erwarten, dass andere sich auch als Kommunikationspartner zur Verfügung stellen. Sie hören die Stimme ihrer eigenen Mutter bevorzugt gegenüber der Stimme einer anderen Frau.
Und wenn die Kinder die Wahl haben, einer menschlichen Stimme zuzuhören oder einem Musikstück zu lauschen oder einem anderen Ton zu lauschen — dann präferieren sie die menschliche Stimme. Schon mit acht bis neun Monaten greifen Babys nach Dingen, die nicht in Reichweite sind. Sie halten Objekte hoch, um sie anderen anzubieten. Schon bald kommt die typische Zeigegeste mit dem ausgestreckten Zeigefinger.
Nein, sagt Ulf Liszkowski, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Hamburg. Hinter der Zeigegeste steckt viel mehr. Das hat er in aufwendigen Experimenten an Säuglingen untersucht. Jeweils 30 Kinder nehmen an seinen Experimenten teil. Sie werden per Video dokumentiert und müssen mit anderen Kindern mit demselben Ergebnis wiederholbar sein.
Die Zeigegeste ist schon für kleine Kinder enorm wichtig. Sie blickten neugierig auf die plötzlich auftauchende Puppe und zeigten darauf. Eine andere Gruppe von Kindern hatte es mit einem Versuchsleiter zu tun, der ihrer Zeigegeste nicht folgte und nicht die Puppe, sondern das Kind anblickte und freundlich zu ihm sprach. Das Ergebnis: Je weniger der Versuchsleiter mit seinem Blick und seiner Aufmerksamkeit der Zeigegeste der Kinder folgte, umso intensiver wiederholten die ihre Zeigegesten, umso häufiger suchten sie Blickkontakt zum Versuchsleiter und umso intensiver gaben sie Laute von sich.
Es wollte nicht einfach nur positive Emotionen hören und erfahren, sondern sich ganz spezifisch über dieses Objekt, diese Puppe austauschen. Das haben wir auch in verschiedenen weiteren Versuchen so replizieren können. Erwachsene setzen die Zeigegeste gern ein, um einander zu helfen — "schau, dort hinten! Um das herauszufinden, hat Ulf Liszkowski eine "Versteckstudie" konzipiert. Der Versuchsleiter legt einen Gegenstand an einen Ort, geht kurz weg, in dieser Zeit versteckt dann eine zweite Person den Gegenstand.
Die Kinder können das sehen. Der Versuchsleiter kehrt zurück und schaut sich suchend um — zwölf Monate alte Kinder deuten aufgeregt auf das Versteck. Sie verstehen, dass der andere gerade sozusagen eine Wissenslücke hat und füllen diese dann aus. Mehr noch: Selbst wenn der Versuchsleiter zurückkehrt und noch gar nicht gemerkt hat, dass ihm der Gegenstand fehlt, zeigen Kinder im Alter von zwölf bis achtzehn Monaten schon auf das Versteck.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass schon Ende des ersten Lebensjahres so ein Fundament vorhanden ist, ein sozial-kognitives Fundament nennen wir das, was es den Kindern ermöglicht, den anderen zu verstehen und mit dem anderen zu kommunizieren. Genau das ist eine wichtige Voraussetzung für die spätere, auch sprachliche Entwicklung. Säuglinge haben eine hohe Motivation, in sozialen Kontakt zu treten — das ist der Hauptmotor ihrer emotionalen, kognitiven und sprachlichen Entwicklung.
Das finden wir im Tierreich auch nicht so eins zu eins wieder. Und eine Überlegung ist eben die, dass es in der Evolution von Vorteil war für den Menschen, mit anderen gemeinsame Sache zu machen, zu kooperieren — und dass aus dieser Fähigkeit heraus dann erst die Sprache entstand. Kinder werden in eine sprechende Welt geboren.
Doch die sprachlichen Fähigkeiten der Säuglinge hat man lange grob unterschätzt. Das wird auch nach der Geburt so bleiben. In sogenannten Babylabs — hier in Genf — wird die sprachliche Entwicklung von Kindern untersucht. Das "Babylab" in Potsdam gehört zu den führenden Säuglingsforschungseinrichtungen. Entwicklungspsychologen und Psycholinguisten untersuchen hier auch die sprachliche Entwicklung von Kindern ab einem Alter von vier Monaten.
Heute wird die sieben Monate alte Martha getestet. Ihre Mutter unterstützt die Forschung gern. Tom Fritzsche: "Wenn Sie so sitzenbleiben, ist das perfekt. Es dauert eine Weile, ist relativ langweilig. Auf dem Bildschirm sieht Martha einem animierten Männchen zu, das sich unaufgeregt bewegt. Es dient nur dazu, Marthas Blick auf einen Punkt zu lenken.
Gleichzeitig spielen die Forscher dem Kind Silben mit unterschiedlicher Betonung vor. Reagiert Martha erstaunt, wenn sich die Wortbetonung plötzlich ändert? Dann zeigen ihre Pupillen eine winzige Reaktion. Tom Fritzsche: "Wenn zum Beispiel viel Verarbeitung, sehr intensive Verarbeitung stattfindet oder Überraschungseffekte auftreten, weitet sich die Pupille.
Babys reagieren mit verstärktem Interesse auf eine melodiöse Sprechweise, die Ammen- oder Babysprache und Eltern aller Kulturkreise wenden sie automatisch an: hohe Tonlage, deutliches Sprechen mit vielen Pausen, übertriebene Satzmelodie, Betonung besonders wichtiger Wörter. Die Überbetonung der Satzmelodie und ein besonders rhythmisches Sprechen helfen Babys offenbar, grammatische Einheiten zu begreifen und auseinander zu halten.
Bereits vier Monate alte Säuglinge bevorzugen Sprachbeispiele, bei denen Pausen an grammatisch sinnvollen Stellen eingefügt wurden — etwa eine Pause zwischen verschiedenen Wörtern — gegenüber solchen Sprachbeispielen, bei denen die Pausen an willkürlichen Stellen auftauchen. Diese Aufmerksamkeit für die Grenzen, Rhythmen, Einheiten der Sprache ist wichtig, denn für den Spracherwerb genügt es nicht, dass ein Kind gehörte Sprache einfach nur passiv imitiert.
Statt dessen steht das Kleinkind vor der schwierigen Aufgabe, auf der Grundlage des Sprachangebots die abstrakten Regeln seiner Muttersprache abzuleiten. Schon vorgeburtlich können Kinder ihre Muttersprache von anderen Sprachen unterscheiden — und sie bevorzugen die Muttersprache. Erstaunlicherweise nutzen Säuglinge je nach Sprache ganz unterschiedliche Verfahren, um einzelnen Wörtern auf die Spur zu kommen.
Im Alter von sieben Monaten orientieren sich englische Kinder an der Häufigkeit, mit der bestimmte Lautfolgen im Sprachstrom auftauchen — sie benutzen also ein statistisches Verfahren.