Psychologie hektische menschen
Was bitte ist so erstrebenswert an Langeweile? Die Fähigkeit, mit sich alleine zu sein und sich dabei gut zu fühlen, ist das Fundament, auf dem Beziehungen entstehen können. Wenn du dich selbst verachtest, kannst du nicht zu jemand anderem gehen und ihm zuhören. Du projizierst alle Bedürfnisse auf diesen anderen Menschen. Wenn wir Menschen treffen, die mit sich selbst nicht klarkommen, und sich deshalb an uns klammern, ist das sehr unangenehm.
Ich versuche nicht, das Unglücklichsein zu verherrlichen. Ich bin selbst nicht der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Ich rede nicht über Einsamkeits-Ekstase, ich rede darüber, dass man keine Panik empfinden sollte, wenn man nicht ständig stimuliert wird. Aber zum Beispiel auf Facebook zu gehen ist doch auch nichts anderes als Zappen im Fernsehen: Man wird nicht unbedingt stimuliert, kann sich aber mal eine Pause verschaffen.
Wenn man es gut aushält, mit sich alleine zu sein, dann kann man auch ruhig auf Facebook gehen und schauen, was dort so los ist. Ich bin auch auf Facebook. Ich mag die sozialen Netzwerke wirklich. Ich bin nicht anti Technologie, ich bin pro Gespräch. Was spricht also gegen ein bisschen Ablenkung? Es gibt diese Studie: College Studenten wurden gebeten, ohne Geräte alleine zu sein.
Ihnen wurde gesagt, wenn sie es nicht aushielten, könnten sie sich Elektroschocks verabreichen. Die haben erst gesagt: "Was für ein Unsinn ist das denn? Das zeigt, dass viele Menschen Angst davor haben, mit ihren Gedanken alleine zu sein. Aber über Facebook kommuniziert man doch auch, man verbindet sich mit Leuten, tauscht Ideen aus, die einem wichtig sind.
Die Menschen sind so hektisch dabei, sich mit vielen zu verbinden, dass sie darüber verlernen, sich miteinander zu unterhalten. Das Besondere an einer Unterhaltung ist: Sie findet in Echtzeit statt und man kann nicht genau steuern, was passiert. Es schockiert mich, wie stark Menschen bereit sind, ein persönliches Gespräch durch online "Gespräche" zu ersetzen, die oft sogar Priorität haben.
Laut einer Umfrage haben 89 Prozent der Amerikaner während ihrer jüngsten Unterhaltung ein Smartphone ausgepackt. Handys kosten uns drei Stunden Lebens- und Arbeitszeit, sagt der Psychologieprofessor Christian Montag. Drei Stunden - jeden Tag. Interview von Nicola Holzapfel. Mit schlimmen Folgen. In den zurückliegenden 20 Jahren ist die Empathiefähigkeit von Studenten um 40 Prozent gesunken.
Ich bin überzeugt davon, dass wir in fünf bis sieben Jahren einen unglaublichen Anstieg bei Autismus beobachten werden. Man kann natürlich einem autistischen Kind nicht das Telefon wegnehmen und es damit heilen. Aber man kann durch sein Verhalten die Symptome von Autismus hervorrufen. Vor 20 Jahren gab es doch noch gar keine Smartphones, das iPhone kam Aber seitdem gibt es Mail.
Schon bei den Recherchen zu meinem Buch "Alone Together", das erschienen ist, sagten mir viele Leute, sie schrieben lieber eine Text-Nachricht, als ein Gespräch zu führen. Dieses Verlangen, sich zu perfektionieren, den Text zu überarbeiten und erst dann abzuschicken statt einfach darauf los zu reden, das war verbreitet. So wie man sich auch auf Facebook so darstellt, wie man gerne sein möchte, anstatt sich so zu präsentieren, wie man ist und das auch zu akzeptieren.
Home Digital "Wir müssen aufhören, das Leben als App zu betrachten". PLAN W. Zur SZ-Startseite. Lesen Sie mehr zum Thema Digital Facebook Social Media Smartphone Soziologie.