Psychologie die religion des 21.jahrhunderts

Die Gegenwartsmoderne ist keine gottlose Zeit. Sondern stark geprägt durch eine Attraktivität religiösen Glaubens. Im Doch Religion ist niemals verschwunden — sondern hat in den vergangenen drei Jahrzehnten neue kulturelle Bedeutung gewonnen. Gewiss, wir kennen gerade in Europa Atheisten, Agnostiker und Glaubensferne, die den überlieferten kirchlichen Symbolsprachen und Riten nichts mehr abgewinnen können.

Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass es auch in Zukunft so sein wird. Denn schon aus demografischen Gründen wird Religion weiter an Gewicht gewinnen: Die besonders Frommen zeugen in allen Weltteilen und in allen Religionen mehr Kinder als andere. Neue Formen des Christentums wachsen mindestens ebenso stark wie der Islam — und sie missionieren aggressiver.

Vor einem Jahrhundert lebten in Afrika schätzungsweise zehn Millionen Christen und dreieinhalbmal so viele Muslime. Heute zählt man dort Millionen Muslime und Millionen Christen — vor allem südlich der Sahara. Aber auch in Lateinamerika und vielen asiatischen Ländern hat das Christentum erfolgreicher missioniert als der Islam.

Belief sich etwa die Zahl der Christen in Nord und Südkorea auf nur Getaufte, so nahm sie im Südteil des Landes infolge der Mission auf heute elf Millionen zu. In China gibt es inzwischen vermutlich mehr als Millionen Christen. Die missionarisch erfolgreichsten Christen sind heute die Vertreter der Pfingstkirchen, die eine radikal-frömmlerische Form des Lebens und Glaubens pflegen, hervorgegangen um aus dem reformierten Protestantismus.

Pfingstkirchen predigen den ekstatischen Zugang zu Gott. In ihnen waren um gerade einmal sechs Prozent aller Christen organisiert — heute sind es nach einigen Schätzungen gut 25 Prozent. Die Millionen Pfingstler leben zumeist in Ländern der südlichen Hemisphäre. Sie tragen dazu bei, dass das einst auf Europa und Nordamerika konzentrierte Christentum zu einer besonders erfolgreichen Religion auf der Südhalbkugel wird.

Durch Migration gewinnt Religion neue Bedeutung. Schon immer haben Menschen ihre Heimat verlassen. Nie zuvor jedoch hat es vergleichbar viele Migranten gegeben wie heute: Rund Millionen Menschen leben dauerhaft in einem fremden Land. Er sorgt in neuen, oft feindlichen Umgebungen für Identität. Nicht wenige Menschen werden überhaupt erst durch Migration fromm: Religion ermöglicht ihnen, eine Bindung an die Heimat zu pflegen und so lebensgeschichtliche Kontinuität zu sichern.

Man kann dies gut am Beispiel der USA studieren, des Einwanderungslandes schlechthin. Dort helfen seit jeher religiöse Institutionen den Neuankömmlingen, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden. Das schafft einen engen emotionalen Kontakt zu diesen Kirchengemeinden und Synagogen. Im globalen Kapitalismus müssen Gott, die Götter und der Glaube vermarktet werden.

Um begannen Wirtschaftswissenschaftler, religiöse Wandlungsprozesse ökonomisch zu deuten. Sie entwickelten eine neue Disziplin: die Religionsökonomie. Man spricht nun von Religionsmärkten, auf denen konkurrierende Akteureihre Heilsprodukte und Erlösungsideen den Sinn suchenden Konsumenten zu verkaufen suchen. Religionsmärkte funktionieren im engen Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage.

Überleben kann hier nur der Anbieter, der seine Sinnwaren erfolgreich an die Leute zu bringen vermag — zum Beispiel die Lakewood Church in Houston, Texas. Auf diese Weise herrscht permanenter Überbietungswettbewerb: Alle Glaubensanbieter müssen fortwährend darauf achten, besonders kundennahe, die Menschen überzeugende, begeisternde religiöse Dienstleistungen zu erbringen.

Angebot erzeugt Nachfrage, Konkurrenz belebt das Geschäft — auch das Glaubensgeschäft. Immer mehr Menschen nehmen ihren Glauben so ernst, dass sie ihr Leben in all seinen Facetten streng nach dem Willen ihres Gottes zu führen versuchen. Gottes Gesetz solle zur bestimmenden Norm der Gesellschaft werden: Darin stimmen streng orthodoxe Juden mit amerikanischen Evangelikalen und radikal antiwestlichen Islamisten überein.

Ob man es nun mag oder nicht — gerade die streng bindenden Glaubensweisen wachsen seit etwa 30 Jahren besonders schnell. Der Siegeszug der diversen Fundamentalismen erklärt sich aus der pluralistischen Signatur der Moderne: Die Vielfalt der Lebensweisen wirkt relativierend und erzeugt Unübersichtlichkeit. Fundamentalismen hingegen fördern neue Gewissheit.

Sie fordern von den Frommen viel, aber sie bieten auch viel: starke Überzeugungen, stabile Weltbilder, dichte emotionale Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, Netzwerke gelebter Solidarität und Nächstenliebe. Die Religionskulturen des Jahrhunderts leben in permanenter Wechselwirkung. Das führt zu Konflikten.

Wenn ein weltweites Fernsehpublikum teilhat am Tod eines charismatischen Papstes; wenn der Dalai Lama von Termin zu Termin um den Globus jettet; wenn muslimische Frauen ihre religiöse Identität sichtbar machen, indem sie öffentlich Kopftuch tragen — dann geht es meist darum, Unterschiede zur Schau zu stellen, Medienpräsenz zu zeigen. Auch für die Welt der Religionen gilt: Mehr Verschiedenheit bedeutet in aller Regel mehr Konflikt.

Viel wichtiger, gerade in Europa, sind die normativen Konflikte innerhalb dieser Gesellschaften — etwa in Fragen der Biopolitik oder über den rechtlichen Status homosexueller Partnerschaften. Jahrhundert weiter verschärfen wird. Das Christentum, den Islam oder den Buddhismus gibt es nicht. Mehr als drei Millionen Muslime leben in Deutschland, vor allem Türken. Die meisten sind nicht sehr fromm, sehen sich eher als säkulare Türken denn als gläubige Muslime.

Weil sie aber ständig als Muslime wahrgenommen werden, entwickeln viele von ihnen ein stärker muslimisch akzentuiertes Selbstverständnis. Ganz anders die Verhältnisse in Frankreich: Dort stammen die meisten Muslime aus Marokko , Algerien und einigen Staaten südlich der Sahara, entzünden sich die Integrationskonflikte eher an den Kolonialkriegen. Es hängt von den Nichtmuslimen ab, ob die zunehmende Präsenz von Muslimen in Europa zur Erfolgsgeschichte wird.

Europa wird zum Einwanderungskontinent für Muslime. Aber die islamischen Lebenswelten in Europa sind bunt und vielfältig. Ganz anders die Verhältnisse in Frankreich: Dort stammen die meisten Muslime aus Marokko, Algerien und einigen Staaten südlich der Sahara, entzünden sich die Integrationskonflikte eher an den Kolonialkriegen. Viele Glaubenssucher verknüpfen Elemente unterschiedlicher religiöser Überlieferungen miteinander.

In demokratisch verfassten Nationen, die Religionsfreiheit als vorstaatliches Grundrecht anerkennen, darf jeder nach seiner religiösen Fasson selig werden. Als Sinnbastler baut sich der moderne Mensch seine private Glaubenswelt, verknüpft etwa alte christliche Vorstellungen mit Symbolen und kultischen Praktiken anderer Religionen. Veranstaltet im katholischen Gemeindehaus Yoga-Abende oder entwickelt in interreligiösen Dialoggruppen die Bereitschaft, Verschiedenes zu einer neuen, humanistischen Glaubenshaltung zusammenzufügen.

Alles Mögliche — Politisches, die Kunst, Sex — kann religiös aufgeladen werden. Manche predigen Gesundheit als höchsten Wert und sehen im Bio-Müsli eine heilige Speise, gleichsam ein Abendmahl. Deutsche Christen leben in überlegter Distanz zu den Kirchen — und sind dennoch religiöser, als viele meinen. Manch konservativer Kulturkritiker klagt, Europa sei eine gottlose, zutiefst säkulare Insel in einer religiösen Welt.

Am Wochenende gehen mehr Menschen zum Gottesdienst als in die Bundesligastadien, und in Umfragen bezeichnen sich 70 Prozent der Befragten als religiös. Wie kann man die bemerkenswerte Stärke der Christlichkeit deuten? Demnach glauben die Menschen etwa an einen Sinn des Lebens , nehmen aber nicht am Kirchenleben teil.

In jedem Fall werden die christlichen Kirchen — trotz mancher sehr schlechter religiöser Performance und nachlassender Überzeugungskraft ihres hauptamtlichen Personals — auch in den kommenden Jahrzehnten die wichtigsten religiösen Akteure in Europa bleiben. Denn sie verwalten einen faszinierenden Schatz: ein uraltes religiöses Symbolkapital, das immer noch starke Sinnrenditen abwirft.

Weiterlesen mit GEOplus. Monatlich kündbar. Mein Konto anmelden Meine Merkliste Digitales Magazin GEO Plus. Services Shop Podcast Newsletter Gewinnspiele Spiele. Folgen Sie GEO auf Facebook Instagram Pinterest. Impressum Kontakt Datenschutzhinweise Datenschutz-Einstellungen Werbung Presse. Die Grundlagen des Wissens. Der Glaube bestimmt noch immer das Leben der meisten Menschen auf der Erde.

Was folgt daraus im Zeitalter der Globalisierung? Der Siegeszug des Fundamentalismus? Ein "Kampf der Kulturen"? Die Erneuerung der Kirchen? Eine Zeitdiagnose des Theologen Friedrich Wilhelm Graf. Friedrich Wilhelm Graf, 59, ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München. GEO KOMPAKT Nr. Quiz Urzeittiere Was wissen Sie über Dinosaurier?

Produkttests und Preisvergleiche. Quiz Nähe und Verlangen Was wissen Sie über Liebe und Sexualität? Mehr zum Thema. Heiligsprechungen der Kirche Wie wird man eigentlich heilig? Von Wundern und ihren Gutachtern. Von Prag bis Isfahan Die schönsten Gotteshäuser der Welt 10 Bilder. Indien Gläubige Hindus können Götter nun per App erreichen.

Vom Teilchenphysiker zum Mönch "Glaube und Wissenschaft — das stand für mich nie im Widerspruch". Gründungsmythos des Christentums Hätte Jesus weitergepredigt — vielleicht wäre er heute vergessen. Beklemmende Recherche 16 Bilder Christen im Irak 15 Bilder Aktuelle Magazine. Geo Kompakt Nr. Geo Epoche Nr.