Psychologie wen kinder nicht laut sein dürfen

Drucken Der Retter bittet seinen Gast aufs Hotelzimmer. Nur da kann Jesper Juul, der unerschütterliche Helfer verzweifelter Eltern, ungestört rauchen. Gerade ist der dänische Familientherapeut auf Deutschlandreise, um für sein neuestes Buch "Eltern-Coaching - Gelassen erziehen" Verlag Beltz zu werben. Darin dokumentiert der Jährige Beratungsgespräche mit Familien, die in Erziehungsfragen nicht mehr weiterwissen.

In aller Seelenruhe erklärt der "Papst der Gelassenheit" die Welt der Kinder von heute und was ihnen einen guten Platz in der Welt verschafft. Detailansicht öffnen Ein Ruhepol in der aufgeheizten Erziehungsdiskussion: Jesper Juul rät Eltern, vor allem authentisch zu sein: "Kinder haben kein Problem mit unseren Fehlern, solange wir zu unserer Verwirrung stehen.

Aber finden Sie Kinder nicht manchmal unglaublich nervig? Juul: Doch. Keine Frage. Man hat nicht mehr viel Aufmerksamkeit für sich selbst übrig, wenn man Kinder hat. Ich glaube, das ist das eigentlich Anstrengende. Aber viele Eltern machen es heute auch anstrengender, als es sein muss. Juul: Wenn die Erwachsenen nicht genug Zeit für sich selbst haben und die Eltern nicht für sich als Paar, dann widmen sie den Kindern unter Garantie zu viel Aufmerksamkeit.

Ohnehin tun sie ihnen keinen Gefallen damit. Kein Kind will Aufmerksamkeit. Es braucht Beziehung, es will am Leben seiner Eltern teilhaben. Besonders wenn Kinder im Kindergarten oder der Krippe sind, brauchen sie dringend Zeit mit Erwachsenen, die ein Erwachsenenleben leben. Im Kindergarten lernen Kinder viel über Kindsein.

Sie singen, sie tanzen. Aber sie lernen nichts über Erwachsene. Wir sehen schon die ersten Folgen. Viele Jugendliche haben keine Lebenskompetenz. Sie werden depressiv, weil sie nicht wissen, wie man mit Enttäuschungen umgeht. SZ: Lernen die Kinder das nicht in der Krippe? Da gibt es doch ganz viel Enttäuschung, Frust, Konkurrenz.

Juul: Da lernen sie, frustriert zu sein. Aber sie lernen nicht, wie man damit umgehen kann. Dazu brauchen die Kinder ihre Eltern. Das ist genau dasselbe mit Stress. Auch damit müssen sie umgehen lernen. Kinder haben heute ein stressiges Leben. Bis sie 15 Jahre alt sind, verbringen sie bis zu Stunden in pädagogischen Einrichtungen. Das ist Arbeit. SZ: Weil es anstrengend ist? Juul: Weil da viele Kinder und Erwachsene sind, die man sich nicht aussuchen kann.

Und weil es viele Anregungen gibt. Die Kinder werden süchtig danach. Sie jammern schon beim Abholen: Was machen wir jetzt? Es ist wichtig, dass die Eltern auch mal sagen: Jetzt musst du alleine spielen. Ich will jetzt kochen oder eine halbe Stunde für mich sein. So lernen Kinder, wie man ein Leben als Erwachsener leben kann. Kinder können viel mehr Stress ertragen als wir, viel viel mehr Juul lacht : Aber sie müssen auch lernen, wie man runterkommen kann.

Man kann seinen Kindern sagen: Ich bin so gestresst heute. Kannst du mir helfen? Dann nimmt man die Hand des Kindes und legt sie sich auf den Bauch und atmet einfach ein paar Minuten. Später kann man das dann umgekehrt machen. Willst du eine Hand? Und dann hat das Kind etwas sehr Wertvolles gelernt. SZ: Für Eltern ist Erziehung oft Stress.

Juul: Sie sind nicht von der Erziehung gestresst, sondern vom Erfolgsdruck. Drei Tage schlafen meine Kinder schon nicht ein. Bin ich eine schlechte Mutter? Was uns so anstrengt, ist ja diese Verpflichtung, zu erziehen. Dann lerne ich, dass es auf meine Haltung ankommt. Was Kinder wirklich brauchen, ist, dass sie einfach nur dabei sind und die Eltern sich über sie freuen.

SZ: Wer erziehen will, hat ohnehin den Eindruck, dass es zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus geht. Juul: Das Allermeiste, was wir unter Erziehung verstehen, erzieht in der Tat kaum. Wie sich unsere Kinder als Jährige verhalten, ist nicht die Folge der Erziehung, sondern unseres Zusammenlebens in der Familie. Wir sind Vorbilder, gute und schlechte, 24 Stunden am Tag. SZ: Wir wären lieber gute Vorbilder.

Juul: Das ist so eine romantische Idee, aber es ist unmöglich. Wir sind einfach Vorbilder, punktum. Es gibt kein richtig und falsch. Kinder haben keine Probleme mit Fehlern, solange wir die Verantwortung dafür übernehmen und zu unserer Verwirrung und unseren Grenzen stehen. Wenn Eltern das nicht tun, fühlen sich die Kinder schuldig.

Das meiste, was wir heute gut machen, haben wir doch durch schlechte Vorbilder gelernt, von denen wir sagen: So will ich nicht sein. SZ: Sie sagen, Sie selbst waren am Anfang ein furchtbarer Vater. Juul: Ich war immer frustriert. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, wie man mit einem Kind spielt, und fühlte mich immer unwohl dabei.

Aber durch meine Ausbildung zum Familientherapeuten habe ich erkannt: Ich kann das ja alles von meinem Sohn lernen. Zeigst du es mir? Und er war froh. SZ: Klar war er froh. Kinder kommandieren einen ja gerne herum. Juul: Und das ist wichtig. So kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Das Entscheidende für mein Verhältnis zu meinem Sohn ist nicht, was ich richtig oder falsch gemacht habe.

Sondern dass ich Vatersein mit ihm gelernt habe. Dieser gemeinsame Lernprozess macht sehr gute Beziehungen. Wenn ich der Lehrer bin und er der Schüler, haben wir keine Beziehung, dann spielen wir Rollen. SZ: Welches Feedback meinen Sie? Juul: Auch das. Wenn ich wochenlang vergeblich versuche, mein Kind zu einer ordentlichen Zeit ins Bett zu bringen, kann ich es fragen, selbst wenn es noch nicht reden kann: Sag mal, jetzt kämpfen wir hier jeden Abend stundenlang.

So ein Vater will ich nicht sein. Und man darf auch gerne ein bisschen heulen. So ein Gespräch wirkt unheimlich konstruktiv. SZ: Es schafft Kontakt statt Distanz. Juul: Ja, und oft dreht sich das Kind um und schläft. Früher hätten wir das Kind bestraft. Aber stellen Sie sich vor, ein Mann hört laut Musik. Dann kommt seine Frau und schimpft: Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass ich keine laute Musik mag?

Zur Strafe darfst du heute Abend keine Sportschau gucken. SZ: Wollen Sie damit sagen, dass die Beziehung zwischen Erwachsenen der zwischen Eltern und Kind gleicht? Juul: Die grundlegenden Elemente sind dieselben. Es geht darum, anwesend zu sein, mit dem anderen im Gespräch zu stehen, den anderen zu akzeptieren. SZ: Aber die Eltern sind doch die, die entscheiden.

Ist das kein Widerspruch? Juul: Nein, Kinder brauchen Führung.