Charaktertypen verhalten psychologie

Ein bisschen ordentlicher werden, anderen offener gegenübertreten oder die eigene Schüchternheit überwinden: Die meisten Menschen würden gerne etwas an sich ändern. Doch was in der Theorie leicht klingt, ist in der Praxis oft schwierig. Können wir überhaupt so einfach aus unserer Haut? Etwa bis zur Jahrtausendwende hätten Psychologinnen und Psychologen das bezweifelt.

Sie hielten die Persönlichkeit bei Erwachsenen bis dahin für mehr oder weniger unveränderlich. Egal, was man tut, im Grunde bleibt man doch, wer man ist, lautete damals das Credo. Wissenschaftler konnten zeigen, dass das, was wir erleben, beeinflusst, wie wir langfristig denken, fühlen und handeln.

Bestimmte Strategien und Reaktionsmuster gehen mit der Zeit in Fleisch und Blut über und können unsere Eigenschaften verändern. So lässt das Arbeitsleben Menschen zum Beispiel im Schnitt über die Jahre hinweg pflichtbewusster werden, denn gewissenhaftes Verhalten wird hier immer wieder von Neuem begünstigt und belohnt. Lebenserfahrungen, Wegbegleiter und gesellschaftliche Normen formen den Charakter weit über die Kindheit hinaus.

Sie ist Professorin für Psychologische Alternsforschung an der Universität Heidelberg und ergründet dort, wie sich die Persönlichkeit über die Zeit entwickelt. Wenn man beispielsweise schon rein körperlich schneller auf Stress reagiert, wird man eine gewisse Sensibilität nie ganz ablegen. Zum Teil stecken charakterliche Unterschiede tatsächlich in unserer DNA. Die Gene bestimmen mit, wie zurückhaltend, draufgängerisch, labil oder stressresistent jemand wird.

An dem Versuch, einzelne Charaktereigenschaften auf bestimmte Genvarianten zurückzuführen, sind Forscherinnen und Forscher in der Vergangenheit immer wieder gescheitert. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass epigenetische Veränderungen womöglich bedeutender für die Persönlichkeitsentwicklung sind als einzelne Gene an sich. Solche Veränderungen entscheiden darüber, wann ein bestimmter Abschnitt des Erbguts abgelesen werden kann, erklärt Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen.

Teils entstehen sie spontan, teils durch besondere Umweltbedingungen. Schon im Bauch der Mutter werden so Weichen für das Temperament eines Kindes gestellt. Umfragen zeigen, dass fast alle Menschen den Wunsch hegen, den ein oder anderen Aspekt an sich zu verändern. Manche Charaktermerkmale sind dabei beliebter als andere. So wollen die meisten etwa emotional stabiler, gewissenhafter, offener und geselliger werden.

Doch der Wunsch allein reicht nicht aus. Man muss auch etwas dafür tun. Eine Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu verändern, liegt darin, sich bestimmten Herausforderungen zu stellen. Wer sich zum Beispiel traut, eine Zeit lang in einem fremden Land zu leben , macht dort einschneidende Erfahrungen, lernt viele unterschiedliche Menschen kennen und kann so seinen Horizont erweitern.

Das zeigte ein Team um Esther Niehoff von der Leuphana Universität in Lüneburg, das die Persönlichkeitsentwicklung von mehr als Studierenden ein Semester lang verfolgte. Allerdings waren die Teilnehmer, die sich für ein Semester im Ausland entschieden, vorher im Schnitt schon verträglicher und offener als ihre Kommilitonen gewesen.

Funktioniert der Sprung ins kalte Wasser auch, wenn wir damit wider unsere Natur handeln? Nicht automatisch, glauben Experten. Wer sich als schüchternes Gewohnheitstier einfach allein in die Fremde aufmacht, läuft Gefahr, auch dort sein gewohntes Verhaltensrepertoire abzuspulen. In unsicheren Situationen greifen wir nämlich instinktiv auf tausendfach erprobte Reaktionen zurück. Ist ein Verhalten erst einmal zur Gewohnheit geworden, wird man es nur schwer wieder los.

Um tief sitzende Muster zu verändern, sind daher drei Dinge nötig: Leidensdruck, Motivation und viel Geduld. Zudem braucht es einen Schlachtplan, wenn man sich aktiv verändern möchte. Psychologen sprechen von »Implementierungsintentionen«. Wer extravertierter werden möchte, nimmt sich dabei nicht einfach vor, mehr auf andere Menschen zuzugehen, sondern formuliert einen konkreten Vorsatz für bestimmte Situationen, etwa: »Wenn ich morgen an der Bushaltestelle stehe, dann stelle ich einem Fremden eine Frage.

Die Persönlichkeit ist die Gesamtheit aller überdauernden, nicht krankhaften Wesenseigenschaften, die Menschen voneinander unterscheidet. Sie bestimmt mit, wie wir denken, fühlen und handeln. Aus einer Vielzahl von Charaktereigenschaften haben Psychologinnen und Psychologen in der Vergangenheit fünf grundlegende Persönlichkeitsdimensionen herausdestilliert, die bis heute verwendet werden, um das Wesen von Menschen wissenschaftlich zu beschreiben: Extraversion, Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus.

Extravertierte Menschen sind herzlich, gesellig, durchsetzungsfähig, aktiv, abenteuerlustig und fröhlich; gewissenhafte ordnungsliebend, pflichtbewusst, leistungsbereit, diszipliniert und besonnen. Als neurotisch gilt, wer eher ängstlich ist, depressiv, impulsiv sowie in sozialen Situationen befangen und emotional verletzlich. Aus den verschiedenen Ausprägungen dieser »Big Five« lässt sich ein Gesamtbild einer Persönlichkeit zeichnen.

Durch Kombinationen kann man so mehr als Charaktervarianten unterscheiden. Die Persönlichkeitspsychologen Nathan Hudson und Chris Fraley, damals beide an der University of Illinois in Urbana-Champaign, testeten , ob diese Strategie auch hilft, den Charakter zu verändern. Sie leiteten dafür Versuchspersonen, die sich in einem oder mehreren Persönlichkeitsmerkmalen verändern wollten, an, realistische, konkrete und überprüfbare Ziele sowie entsprechende Wenn-dann-Pläne zu formulieren.

Vier Monate lang sollten sie diese umsetzen und üben, üben, üben. Wer ein solches Training erhielt, konnte sich stärker in seinem gewünschten Charaktermerkmal verändern als diejenigen, die nichts über Implementierungsintentionen gelernt hatten. Allerdings wurden hier nur Korrelationen erhoben, so dass man nicht sicher sagen kann, ob das Training die Ursache für die Veränderung war.

Zudem hatten sich die Teilnehmer am Ende des Programms nicht dramatisch, sondern eher moderat verändert. Diesmal sollten Probandinnen und Probanden, die etwas an sich ändern wollten, über 15 Wochen hinweg verschiedene auf sie zugeschnittene Herausforderungen meistern. Wünschten sie sich etwa, gewissenhafter zu werden, sollten sie sich so verhalten, wie es eine sehr gewissenhafte Person tun würde.

Wer lieber extravertierter wäre, sollte sich hingegen ein Beispiel an besonders geselligen Zeitgenossen nehmen. Die Challenges lauteten zum Beispiel: »Lächle jemandem zu, den du nicht kennst«, »Überlege, wofür du dankbar sein könntest« oder »Ordne die Apps auf deinem Smartphone«. Um zu klären, ob solche Programme andauernde Charakterveränderungen hervorrufen können, braucht es jedoch noch mehr Forschung.

Und sich etwa sagen: Ich bin heute gelassen geblieben, weil ich ein ausgeglichener Mensch bin, nicht, weil die Umstände gerade günstig waren. Diese schlugen sich in der Summe vor allem bei jungen Menschen in Charakterveränderungen nieder. Älterwerden bringt im Hinblick auf die Persönlichkeit aber auch Vorteile mit sich. Nach jetzigem Wissensstand passiert das im Zusammenhang mit den Rollen und der Verantwortung, die wir als Erwachsene übernehmen«, erklärt Wrzus.

Deshalb müsse man eigentlich gar nicht zu verbissen versuchen, sich zu ändern. Auch wenn es gerade dem Zeitgeist entspricht, ist es nicht per se besser, extravertiert zu sein oder sich stets pflichtbewusst und angepasst zu geben. Darum kann man sich ruhig ein Stück weit so akzeptieren, wie man ist.

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.